Miteinander und mit Gott feiern – Festveranstaltung
des Blauen Kreuz Ortsverein Wiehl am 3. April 2011 im Seniorenzentrum Bethel in
Wiehl – Wülfringhausen. Eigene Erfahrung soll anderen nutzen.
Elke und Michael Vorländer sind seit 1989 aktiv beim Blauen Kreuz und haben am 7. September
2006 eine Suchtselbsthilfegruppe für Angehörige und Betroffene ge- gründet. Den Ortsverein des Blauen Kreuz in der Evangelischen
Kirche gibt es seit dem 01. April 2007 und die Begegnungsgruppe Much seit dem
01. März 2010.
Über
schwerwiegende Krankheiten redet man nicht gerne – als wäre schon das Reden
darüber eine Gefahr. Dabei führt das Schweigen erst recht zu Schwierig- keiten.
Denn wo etwas verschwiegen wird, ist der Weg zu Lösungen versperrt.
Über
Suchtkrankheiten zu reden, ist für die meisten noch weitaus schwieriger. Von
einer Sucht betroffen zu sein, gilt vielen noch immer als peinlich. Offenbar
haben wir als Gesellschaft noch nicht verinnerlicht (vielleicht, weil man nicht
da- rüber redet?), dass Suchtkrankheiten eben Krankheiten sind.
Niemandem ist es
peinlich, über Migräne, Rheuma oder Herzkrankheiten zu sprechen.
Aber
wenn über eine Krankheit nicht geredet wird, kann sie nicht er- kannt und
behandelt werden. Der Zustand verschlimmert sich, aber nichts wird getan.
Manchmal
weiß man gar nicht, ob man krank ist oder nicht. Auch dann ist es gut, darüber
ins Gespräch zu kommen und es herauszufinden, statt weiter die unausge- sprochene
Frage mit sich herumzuschleppen, ob vielleicht etwas nicht stimmt.
Über Suchtkrank- heiten
wissen die meisten von uns wenig. Da ist es gut, Ansprech- partner zu haben, die
einem weiterhelfen können. Für solch einen Erstkontakt – und für vieles mehr –
ist das Blaue Kreuz in der Evangelischen Kirche eine große Hilfe.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen begrüßte Elke Vorländer als 1.
Vorsitzenden des Vereins die zahlreich erschienen Vereins- und
Gruppenmitglieder sowie die geladenen Gäste im Andachtsraum des Seniorenzentrum
Bethel.
Sie dankte allen, die Arbeit in der Suchtkrankenhilfe durch Gebete, persönlichen
Einsatz und Geld- sowie Sachspenden fördern und unterstützen.
Ein weiterer Dank ging das engagierte und gut ausgebildete Team, das erst
eine ehrenamtliche, professionelle Arbeit möglich macht.
Dankbar blicken wir zurück, nahm Michael Vorländer, Pressesprecher des
Orts- vereins, die Anwesenden mit auf eine Zeitreise durch die vergangenen Jahre.
Im Jahre 1989 fasste das Ehepaar den
Entschluss, anderen mit ihren eigenen Erfahrungen zu helfen.
Da wir über
entsprechende qualifizierte Ausbildungen verfügten, traten Hilfesuchende 2006 mit
der Bitte an uns heran, eine eigene Selbsthilfe- gruppe zu gründen.
Bis zu
diesem Zeitpunkt waren wir bereits 20 Jahre in verschiedenen
Selbsthilfegruppen/vereinen als Mitarbeiter und Vorstandsmitglieder tätig.
Nach vielen
Gesprächen mit Herrn Pfarrer Müllenmeister, von der Kirchenge-
meinde Drabenderhöhe entschlossen wir uns die an uns geäußerte Bitte zu
erfüllen.
Als Treffpunkt für die Gruppenstunden wurde uns das Evangelische Gemeinde-
haus in Weiershagen angeboten. Gerne hätten wir uns im zentral gelegenen Evangelischen
Gemeindehaus in Drabenderhöhe getroffen. Herr Pfarrer Müllenmeister versuchte uns
die Bedenken hinsichtlich der Lage und der von uns vermuteten schlechten
Erreichbarkeit zu nehmen. In gemeinsamen Gesprächen wurden die Vor- und Nachteile der beiden Orte besprochen. Ein
gewisses Unwohlsein unserseits war immer noch vorhanden, aber wir wagten den
Schritt nach Weiershagen.
Der 1.
Gruppenabend fand statt und außer meiner Frau und mir kamen noch zwei Hilfesuchende,
so Michael Vorländer. Sollte sich unsere Vermutung doch bestätigen? An den im
Jahr 2006 stattgefunden 16 Gruppenabenden kamen zwischen 4 und 7 Personen, uns
mit eingeschlossen.
Michael Vorländer stellte sich zwischenzeitliche die Frage:
Lohnt sich eigentlich der ganze
Aufwand? Aber er erinnerte sich allerdings sehr schnell an seine erste Zeit, wo
er Hilfe gesucht hat und wie dankbar er war, Menschen zu finden, die Ihm
zuhörten und Wege aus der Sucht aufzeigten.
Ihm wurde klar:
Wenn Du auch nur einem einzigen Menschen hilfst, aus dem Strudel der
Sucht heraus zu finden, ja dann waren keine Mühen und kein Aufwand dafür zu
groß.
In
ihrem Wohnort Wiehl gründeten sie also, am 07.09.2006 eine Selbsthilfegruppe
und schlossen sich am 01.04.2007 dem Blauen Kreuz in der Evangelischen Kirche
an. Eine weitere zusätzliche
Gruppe wurde
am 01.03.2010 in Much eingerichtet.
Seit dem 18.03.2010 trifft sich der Ortsverein Wiehl jeden Donnerstag, außer an Feiertagen, im Seniorenzentrum
Bethel in Wiehl – Wülfringhausen. Die Treffen der Begegnungsgruppe Much finden
alle 14 Tage ( ungerade Kalenderwoche ) am Montag im Ev. Gemeindezentrum statt,
jeweils von 19.00 – 21.00 Uhr statt und sind kostenlos.
Die Gruppen werden im Durchschnitt von 30 Hilfesuchenden regelmäßig
besucht, Tendenz steigend.
Wenn man bedenkt, so Michael Vorländer, dass es alleine im Oberbergischen
Kreis über 30 Selbsthilfegruppen für suchtkranke Menschen und deren Angehörigen
gibt, kann leicht erahnen, wie viel Not und persönliche Schicksale durch
Alkohol und/oder andere Drogen hervor gerufen werden, wobei aber die
Dunkelziffer extrem hoch ist. Nur die Spitze des Eisberges ist erkennbar.
Michael Vorländer ist
selber Trockener - Alkoholiker
und spricht daher aus eigener Erfahrung aber auch die Angehörigen haben extrem unter der Sucht
zu leiden.
In der Predigt von Pfarrer Frank Müllenmeister wurde
der direkte und unmittelbare Bezug
zwischen und mit Glauben an Gott, Bibel und Selbsthilfegruppen an
Gleichnissen der Heiligen Schrift hergestellt. Konsens: Hilfe erbitten – Hilfe
annehmen und in einer zufrieden erlebten Abstinenz, dankbar leben nach dem
Motto:
Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich
ändern kann und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden.
Gott gebe mir Geduld mit Veränderungen, die ihre Zeit brauchen, und
Wertschätzung für alles, was ich habe, Toleranz gegenüber jenen mit anderen
Schwierigkeiten und die Kraft, aufzustehen und es wieder zu versuchen, nur für
heute.
Musikalisch wurde die Festveranstaltung durch Susanne Riedel,
die die Anwesenden bei ausgesuchten Dankliedern auf der Gitarre unterstützte, begleitet.
Die Veranstaltung fand mit einem fröhlichen, gemeinsamen
Kaffeetrinken seinen Ausklang, bei dem Elke und Michael Vorländer nicht nur der
geladenen Presse, sondern auch allen Interessierten Rede und und Antwort
standen.
So offen wie Michael Vorländer über seine Alkoholkrankheit
spricht – das nötigt Respekt ab. Der Wiehler erlebte seine Alkoholsucht vor
mehr als 20 Jahren, aber viele Augenblicke sind noch absolut präsent. Fast
hätte der 57-Jährige damals seine Familie verloren. Seine Frau Elke zog aus der
gemeinsamen Wohnung aus, schwanger mit dem dritten Kind. Dieser Einschnitt
bewirkte bei Vorländers etwas. Er hörte auf zu trinken und ist bis heute
trocken.
Das Blaue Kreuz in der
Evangelischen Kirche ist eine Selbsthilfeorganisation
in der Suchtkrankenhilfe, die
sich im speziellen
gegen Alkoholismus einsetzt.
Bei den abendlichen Treffen
setzt sich Michael Vorländer mit den alkoholabhängigen Menschen zusammen,
während Elke Vorländer einen Gesprächskreis für Angehörige anbietet.
Wichtig sei erst mal das
Zuhören, weiß sie. „Die Leute sind erleichtert, wenn sie offen über ihre
Probleme reden können. Das tun sie im Bekannten- und Freundeskreis ja meist
nicht. Außerdem denken Angehörige immer, sie hätten selbst schuld.“ Elke Vorländer
hilft ihnen, dies anders zu sehen. Denn die werden oft
kaum beachtet, leiden aber selbst unter enormem Druck. „Sie müssen den Alltag
mit dem Alkoholiker bewältigen und wenn der es schafft, trocken zu werden, wird
ihm auf die Schulter geklopft. Nicht dem Angehörigen, der mit durchgehalten
hat“, sagt die ehrenamtliche Sucht-Krankenhelferin. Ein weiteres Problem, die
Frage, wie ich es schaffe, meinem Partner wieder zu vertrauen, wird immer
wieder in den Gesprächen thematisiert. Was die beiden Gruppen auszeichnet, ist
ihre Offenheit. „Was auf der Seele brennt, wird besprochen“, betont Michael Vorländer.
Im Gesprächskreis von Michael Vorländer geht es ebenfalls darum, die
Alltagsschwierigkeiten, die die Krankheit auch für trockene Alkoholiker mit
sich bringt, zu diskutieren. Alkoholiker bleibe man ja auch, wenn man nicht
mehr trinke, betont er. „Wenn man trocken ist, muss man auf der Hut sein, nicht
in Ersatzsüchte zu fliehen“. Auch der Umgang mit vermeintlich alkoholfreien
Getränken werde angesprochen und überhaupt das persönliche Umgehen mit der
Krankheit. „Ich rate jedem, offen zu der Krankheit zu stehen, denn für mich war
das öffentliche Bekenntnis Alkoholiker zu sein der größte Befreiungsschlag.“
Auch für Menschen, die die Sucht noch nicht überwunden haben und noch
trinken, sei die Gruppe natürlich offen. „Solche haben wir auch immer wieder mal
dabei“, berichtet Vorländer. Auch praktische Tipps hat das Ehepaar aus Wiehl
parat, wo Kranke und Angehörige konkrete Hilfen finden können
Ein festes Gesprächsgefüge gibt es nicht. Elke Vorländer:
„In einer straff organisierten Gruppe würde ich mich nicht wohlfühlen.
Bei uns
herrscht Gelassenheit.“ Die wird auch durch Therapiehund Feli erzeugt. Die
Hündin kommt immer mit in die Runde. Durch ihre Anwesenheit, wird die Spannung
gelockert. Einige Teilnehmer sind kurzzeitig von ihrem Problem abgelenkt und können
sich so eher öffnen.
Nach außen hin öffnen, die Sucht nicht verheimlichen sind
Stichworte, die das Blaue Kreuz in der evangelischen Kirche besonders
kennzeichnen. Die Mitglieder besitzen blaue Polo-Shirts mit Aufdruck, durch die
sie als Gruppenteilnehmer zu identifizieren sind. Diese Polo-Shirts werden
selbstverständlich auch getragen. Bei den zahlreichen Ausflügen und
Unternehmungen, denn der offensive Umgang mit der Sucht ist den Vorländers
wichtig.
Immerhin gehen sie auch in Schulen, Vereine und Betriebe um dort
Präventionsarbeit zu leisten und weisen mit Sorge darauf hin, dass
Alkoholabhängige immer jünger werden.
Wie schwer es oft ist, den Alltag mit
seinen Tücken zu bewältigen, zeigt eine Ausflugs-Geschichte. Die Gruppe
besuchte ein Eiscafé. Nachdem Michael Vorländer sich die Bestellungen angehört
hatte, stornierte er die gesamte Liste der Eisbecher. „Es hatten erschreckend
viele nicht darauf geachtet, dass in den Eisbechern Alkohol enthalten ist.“
Denn das ist Vorländer wichtig: Den kontrollierten Umgang mit Alkohol gibt es
für einen ehemaligen Abhängigen nicht.
Dass die Gruppe unter dem Dach der
Evangelischen Kirche arbeitet, liegt daran, dass Michael Vorländer wieder zum
Glauben gefunden hat. Dennoch ist die Gruppe für alle Konfessionen offen.
Die
Zusammenarbeit mit der Kirche bietet einen großen Vorteil. Wenn Elke und
Michael Vorländer selbst einmal Gesprächsbedarf haben, steht Pfarrer Frank
Müllenmeister aus Drabenderhöhe bereit.
Dank der guten Vernetzung der Gruppe
mit anderen Organisationen, kann das Paar auch oft praktische Hilfe leisten -
bei der Wohnungs- oder Jobsuche zum Beispiel -
Therapiemöglichkeiten aufzeigen und Kontakte vermitteln. Und beide
stehen Hilfesuchenden rund um die Uhr zur Verfügung. „Wir kennen in dieser
Hinsicht kein Wochenende. Klingelt das Telefon, gehen wir dran.“
Dass bei aller
Arbeit auch der Humor nicht zu kurz kommt, beweist eine weitere Anekdote. „Als
wir einmal gemeinsam feierten, brachte einer unserer Teilnehmer sein Akkordeon
mit“, erinnert sich Michael Vorländer. Und was spielte er? Es gibt kein Bier
auf Hawai. „Wir waren alle baff und haben uns anschließend kaputtgelacht.“